Entschleunigung durch Coronazwangspause?

Chance zur Entschleunigung?

Ich getraue es mir fast nicht zu schreiben…aber der Impact durch die Coronakrise hält sich bei uns in der Familie bisher in Grenzen. Ich gehe sogar soweit, dass die positiven Effekte überwiegen. Homeoffice - auch über längere Zeiträume ist keine Herausforderung dank eingerichtetem Heimbüro und in meinem Job seit 20 Jahren Normalität. Wir haben rechtzeitig gehamstert und erfahren aktuell beim Einkaufen keine Einschränkungen durch Einlasskontrollen oder fehlender Ware. Durch das Homeschooling setzen sich die Kids einfach so nebenbei mit neuen Medien und Methodiken auseinander und wir als Eltern erhalten einen viel näheren Blick in den Stoff und den Schulalltag. Insgesamt bleibt viel mehr Zeit für Interaktion innerhalb der Familie und es gibt viel weniger Stress, weil Fahrzeiten und Termine wegfallen. Alle drei Mahlzeiten werden gemeinsam und in Ruhe mit allen Familienmitgliedern genossen. Der Verkehrs- und Fluglärm ist um 98% zurück gegangen - man hört die Vögel wieder zwitschern. Die seit Jahren angewachsenen ToDo-Listen (Keller & Dachboden ausmisten) können entspannt nebenher abgearbeitet werden. Für die Krankschreibung beim Arzt reicht ein Anruf mit Symptombeschreibung und der Papierkram kommt mit der Post. Der Hometrainer wurde wieder reaktiviert, da das Fitnessstudio geschlossen ist.

Insgesamt nehmen wir eine Entschleunigung wahr, die allen Familienmitgliedern gut tut!
Ich hoffe, das wir einiges davon auch nach der Krise beibehalten können.

Not so well:
Den Kinder fehlen die echten Sozialkontakte mehr als uns Erwachsenen.
Whatsup & facetime sind eben doch keine 100% Ersatz :upside_down_face:

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Ja, die Chance zur Entschleunigung sehe ich definitiv auch, wenn auch in anderen Bereichen.

Wir sind Homeoffice seit fast 20 Jahren gewohnt (selbständig von Zuhause aus). Insofern nicht viel neues für uns und auch halbwegs „Komfortzone“. Wir haben mit Beginn der Krise unseren Ausgang schon vor einer Weile auf das Minimum beschränkt (Einkaufen, spazieren, etc.) auch hier ist also durch die Ausgangsbeschränkungen nicht viel neu. Wir leben ländlich und haben beim einkaufen bisher auch wenig Einschränkungen erfahren - auch völlig ohne hamstern. Klopapier und Mehl ist schon mal leer im Regal, und die Tiefkühlregale waren es auch schon mal, aber das hat sich schon wieder weitgehend gelegt.

Auf der positiven Seite war der gang zum hiesigen Rewe heute schon fast wie Urlaub. Der Laden war ungefähr halb so voll wie sonst an einem Montag und die deutlich ausgeschrieben Abstandsregeln und aufgeklebten Klebebänder an Kasse und Metzgertheke haben zu einem sehr umsichtigen und überraschend freundlichen Verhalten der anderen Kunden geführt. Ich war sehr positiv überrascht. Auch davon, dass die Mitarbeiter dort noch nicht völlig auf dem Zahnfleisch gehen, wofür ich sehr dankbar bin.

Mal sehen was davon hängen bleibt. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben. :wink:

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Für alle, die es sich leisten können, gibt es zumindest zum jetzigen Zeitpunkt viele positive Aspekte, die Du zum Teil aufgezählt hast. Mal sehen, ob das positive Denken auch dann noch so gut funktioniert, wenn sich die Krise weiter zuspitzt. Zu wünschen wäre es, denn das macht vieles leichter!

Es ist aber nur ein kleiner, privilegierter Teil der Bevölkerung, der das so entspannt sehen kann. Viele Leute verlieren gerade ihre Existenz. Sie können und/oder dürfen nicht mehr arbeiten, verdienen entweder gar kein Geld mehr oder sind auf Kurzarbeit gesetzt. Wer sonst mit seinem Einkommen gerade so über die Runden kommt, der kann mit einem drastisch gekürzten Einkommen nicht mal mehr die nötigsten Ausgaben bestreiten. Zugleich sind das natürlich genau die Leute, die auch kaum die Chance hatten, sich ein solides Polster für schlechte Zeiten anzusparen. Die fangen nach wenigen Wochen an, ihre Altersvorsorge aufzuzehren… Den „normalen“ Menschen fällt es daher etwas schwerer, sich über diese Situation zu freuen.

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Danke @Volker.Berlin. Gut, dass Du das so schreibst. Auch wenn das in den ersten Beiträgen nicht steht ist uns das glaub ich aber allen klar, dass es nicht jedem in der Situation gleich gut geht. Das ist leider auch in der Krise so wie sonst im Leben - es wird eine Menge Menschen geben die wirtschaftlich sehr stark betroffen sind und die dann Dinge wie Freundlichkeit im Supermarkt und Entschleunigung nicht so positiv sehen können.

Um ehrlich zu sein wissen wir als Selbständige im Moment selbst nicht wie stark uns das alles auch wirtschaftlich treffen wird. Wir haben zwar im Moment den Vorteil, dass es sich nicht umgehend auswirkt, aber langfristig werden wir vermutlich alle dran zu knabbern haben. Da müssen wir uns nix vormachen.

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Hier mal ein Artikel, wie die, die schon immer introvertierte Eigenbrödler waren, damit zurechtkommen, dass Eigenbrödlertum in Zeiten Coronas quasi zur Tugend erhoben wird:

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Dieser Artikel im Spiegel beschreibt das ganz gut:

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Im ZEIT MAGAZIN gab es gestern einen Artikel zu genau dieser Frage (leider nur für Abonnenten): Ein Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa.

https://www.zeit.de/zeit-magazin/2020-04/hartmut-rosa-coronavirus-gesellschaft-wirtschaftssystem/komplettansicht

[…] Schauen, was übrig bleibt, wenn wir nicht organisieren, erledigen und abarbeiten. Meine Sorge ist, dass viele Menschen das gar nicht aushalten können. Wir flüchten uns instinktiv in die digitale Welt, die uns die verloren gegangene Reichweite und Beschleunigung wiederherstellt. Ich kann ja mal schnell in der Nachrichten-App gucken, was in New York oder Asien gerade los ist, ich kann all meinen Freunden dieses Video und jenen Kommentar weiterleiten. Leider machen wir dann nur das, was wir immer gemacht haben: Wir fliehen ins Hamsterrad. […] Das Virus holt keine Flugzeuge vom Himmel, legt Fabriken still oder sagt Konzerte ab. Das war politisches Handeln. Eine Lehre, die wir bereits jetzt aus der Krise ziehen können, ist: Wir sind immer und sehr stark politisch handlungsfähig.

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Ja. Da hab ich mich total ertappt und wiedergefunden.
Mir ist absolut klar in einer priviligierten Position zu sein. Und es ging sogar soweit, dass ich mich heute geärgert habe, wieder im HO arbeiten zu „dürfen“, statt Kurzarbeit 0 bei 80% der Nettobezüge zu bekommen.

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