Christian Drostens Plan für den Herbst

Fortsetzung der Diskussion von Wird es eine zweite Welle geben?:

Ich hole das mal aus dem Thread über eine mögliche zweite Welle raus, weil ich denke, das hat einen eigenen Thread verdient,

Da leider nur für Abonnenten, möchte ich aus dem sehr interessanten und umfangreichen Artikel mal einen Teil über die vorgeschlagene Teststrategie und den Umgang mit erkannten Infektionen gekürzt zitieren:

Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen durch breite Testung. Japan gelang es, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen.

Ich plädiere nun dafür, im Fall der Überlastung nur (oder zumindest vor allem) dann mit behördlichen Maßnahmen auf einen positiven Test zu reagieren, wenn er von einem möglichen Clustermitglied stammt. […]

Hier gilt: Der Blick zurück ist wichtiger als der Blick nach vorn. Denn Infektionsfälle werden meist erst mehrere Tage nach dem Auftreten von Symptomen erkannt. Der Patient bekommt Fieber, schläft eine Nacht darüber und geht dann zum Arzt. Erst am Tag darauf erhält er sein Testergebnis. […] Meist sind also vier oder mehr Tage vergangen, seit der Patient die ersten Symptome verspürte. Zu diesem Zeitpunkt ist er aber kaum noch infektiös. Denn wir wissen inzwischen, dass die infektiöse Phase etwa eine Woche dauert, die ersten zwei Tage liegen dabei vor dem Symptombeginn. Immer noch isolieren manche Gesundheitsämter den erkannten Fall als Erstes, um ihn daran zu hindern, andere zu infizieren. Das ist nicht falsch, es könnte aber genauso gut der Hausarzt übernehmen, der den Patienten begleitet.

Das Gesundheitsamt muss zurückblicken: War der Patient in einem Großraumbüro tätig, feierte er mit Verwandten, während er wirklich infektiös war, also etwa seit Tag zwei vor Symptombeginn? Noch wichtiger: Wo könnte sich der Patient eine Woche vor dem Auftreten der Symptome infiziert haben – könnte das in einem Cluster geschehen sein? Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen. Durch die Fokussierung auf die Infektionsquelle wird der neu diagnostizierte Patient nämlich zum Anzeiger eines unerkannten Quellclusters, das in der Zwischenzeit gewachsen ist. Die Mitglieder eines Quellclusters müssen sofort in Heimisolierung. Viele davon könnten hochinfektiös sein, ohne es zu wissen. Für Tests fehlt die Zeit. Politik, Arbeitgeber und Bürger müssen dies erklärt bekommen.

Amtsärzte kennen diese Zusammenhänge bereits und versuchen, danach zu handeln. Sie stehen aber im Falle eines Ausbruchs unter einem enormen Druck – etwa zunächst zu testen, bevor sie für größere Cluster eine Quarantäne verhängen. Darum brauchen sie verbindliche Vorgaben, auf die sie sich berufen können. […] Ein Quellcluster kann zum Beispiel ein Großraumbüro sein, eine Fußballmannschaft oder ein Volkshochschulkurs.

Auch eine Schulklasse kann ein Cluster sein, darauf muss man besonders im Herbst gefasst sein. Weil es gerade bei jüngeren Schülern nur einen kleinen Anteil symptomatischer Fälle gibt, kann jeder Fall eines symptomatischen Schülers einen Quellcluster anzeigen. Die japanische Strategie könnte helfen, die Schulen länger offen zu halten, indem Cluster in Klassen gestoppt werden, bevor ganze Schulen geschlossen werden müssen. Die Voraussetzung dafür ist klar: Im Schulalltag müssen Klassen voneinander getrennt werden, um geschlossene epidemiologische Einheiten zu erhalten.

https://www.zeit.de/2020/33/corona-zweite-welle-eindaemmung-massnahmen-christian-drosten

Einen frei zugänglichen Artikel über Drostens Vorschläge gibt es im Tagesspiegel, da wird auch auf die Themen eingegangen, die in dem relativ kleinen zitierten Teil nicht angesprochen wurden:

Gruß Mathie

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Matthias F. Schneider leitet die Abteilung Medizinische und biologische Physik an der TU Dortmund und beschäftigt sich auch mit der Ausbreitungsdynamik von Viren. Er sagt: „Wir können Corona noch stoppen.“

Acht Aspekte aus Physik und Mathematik, die dabei wichtig sind:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-09/corona-ausbruch-stoppen-physik-neuinfektionen-perkolation-zweite-welle/komplettansicht

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Ganz auf 0 stelle ich mir schwierig vor für ein Land wie Deutschland mit so vielen Nachbarländern. Wenn alle Nachbarländer mitmachen würde, wäre es natürlich die beste Lösung.

Die Fallzahlen auf sehr niedrigem Niveau gering halten, halte ich aber schon für einen erreichbaren und sinnvollen Ansatz. Wenn man wieder auf wenige 100 Fälle pro Tag runter kommt, dann kann man in den coronafreien Landkreisen auch etwas lockerer vorgehen und muss dann nur hart eindämmen, wenn es wieder zu Vorfällen kommt.

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